Transporthubschrauber: Einführung des „Seelöwen“

Die Marine erhält ab Herbst 2019 Ersatz für den seit 40 Jahren eingesetzten Hubschrauber „Sea King“: den NH90 NTH „Sea Lion“. Seine Beschaffung und Einführung ist eines der großen Rüstungsprojekte der deutschen Seestreitkräfte.

Ein Computermodell des NH 90 „Sea Lion“.

Ein Computermodell des NH 90 „Sea Lion“ (Quelle: 2016 AHD / NH Industries)Größere Abbildung anzeigen

Der Ersatz des Sea King Mk41 hat eine lange Geschichte. Schon 1990 war es Ziel, die beiden, in unterschiedlichen Aufgabenbereichen verwendeten Helikopter Sea King und Sea Lynx (Mk88A) durch einen mehrrollenfähigen Bordhubschrauber zu ersetzen. Waren ursprünglich 30 Marinehubschrauber ausgeschrieben, erwies sich diese Idee als nicht realisierbar. So legte das Verteidigungsministerium – im Zusammenhang mit der Reduzierung der Bestellungen des für Heeresflieger und Luftwaffe vorgesehenen NH90 TTH – im März 2013 schließlich FEST, dass 18 NH90 NTH (Naval Transport Helicopter) den Sea King ersetzen würden.

Nach einer Phase der Projektplanung, parlamentarischer Billigung und Vertragsabschluss zwischen der NATO Helicopter Management Agency und dem Hersteller NHIndustries führt die Marine den „Sea Lion“ nun ab Herbst 2019 ein. Gemäß einem Laufenden Befehl des Befehlshabers der Flotte vom 28. April 2016 hat die Projektumsetzung in der Marine begonnen.

Das Luftfahrzeug

Die Basis des NH90 NTH Sea Lion ist die französische Marineversion des Unterstützungshubschraubers, NH90 NFRS. Der deutsche Transporthubschrauber ist allerdings reiner Ersatz für den abzulösenden Sea King. Zu seinem Aufgabenspektrum gehören SAR („Search and Rescue“), der Bordflugbetrieb auf den Einsatzgruppenversorgern für Personal- und Materialtransport, sowie der Einsatz von Boarding– und Spezialkräften.
Der „Seelöwe“ wird nicht als Waffenträger für Flugköper oder Torpedos fungieren. Die Einrüstung von medizinischer Ausstattung ermöglicht seinen Einsatz für die landgebundeneSAR-Rolle – spätestens ab 2022, zu welcher Zeit der Sea King seine Lebensdauer unwiederbringlich aufgebraucht haben wird.

Sensoren für den Einsatz auf und über See

Der NH90 NTH wird eine umfangreiche Sensorik für das maritime Umfeld bekommen. Dazu gehören ein maritimes Radarsystem, ein Elektro-Optisches System mit TV-Kamera und Infrarotsensor sowie ein Laserentfernungsmesser. Ein System zur Erfassung und Identifizierung von elektromagnetischen Ausstrahlungen einschließlich der Radarwarnfunktionalität wird ebenfalls vorhanden sein. Ein weiterer Sensor ist das AIS(Automatic Identification System) zur Unterstützung des maritimen Lagebildes. Als Schutzkomponenten werden Chaff/Flare Täuschmittel genutzt. Ferner sind als aktive Eigenschutzkomponente zwei schwere Maschinengewehre M3M einrüstbar. Die Nutzung einer modularen ballistischen Schutzausstattung für Besatzung und Kabine wird möglich sein.

Die Einführung des Sea Lion

Die Einführung des neuen Hubschraubers ist für die Marine eine Herkulesaufgabe: Der neue Hubschrauber muss mit den knappen Ressourcen an Personal bei Aufrechterhaltung des Flugbetriebes Sea King in den laufenden Betrieb integriert werden. Die Marine muss neben konzeptionellen Festlegungen und organisatorischer Ausplanung gleichzeitig die Beschaffung der Ausbildungsmittel, Infrastruktur- und Personalmaßnahmen sowie die Ausbildung regeln.

Hinsichtlich der Betriebsform des Hubschraubers besteht die Absicht, ihn nach den neuen Regularien der Deutschen Military Airworthiness Requirements (DEMAR) zu betreiben. Wie auch beim Transportflugzeug A400M werden so Organisation und Ausbildung mit denen der zivilen Luftfahrtindustrie vergleichbar sein. Unter anderem erwarten wir, dass dies zu einer Steigerung der Attraktivität der technischen Ausbildung bei der Bundeswehr führen wird.

Die Projektorganisation

Der neue NH 90 „Caiman“ der französischen Marine bei einem Rettungsmanöver.

Der neue NH 90 „Caiman“ der französischen Marine bei einem Rettungsmanöver (Quelle: Archiv Marine Nationale)Größere Abbildung anzeigen

Für das Projekt NH90 NTH wurde ein Integriertes Projektteam (IPT) eingerichtet: ein Steuerelement unter einem Projektleiter des Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw), das sich aus Vertretern desBAAINBw, des künftigen Nutzers, dem Bevollmächtigten Vertreter des Inspekteurs Marine (BV Marine, zugleich der Autor dieses Textes) und anderen in der Realisierung betroffenen Bereichen zusammensetzt. Für die Umsetzung der Projektelemente in der Marine ist der BV Marine verantwortlich.

Die Realisierung in der Marine beginnt mit dem Aufbau einer Kernbefähigung. Hierfür wurden die ersten SollOrg-Anpassungen vollzogen und das erste fliegerische Personal auf NH90 TTH geschult. Dieses Personal bildet den Nukleus der „Sea Lion“-Fachkompetenz für die integrierte Nachweisführung ab 2017.

Die zweite Stufe mit den 2017 beginnenden Lehrgängen dient der strukturellen Grundbefähigung. Das so ausgebildete Personal wird es der Marine ermöglichen, autark die ab 2020 für 18 Monate geplante Einsatzprüfung vorzunehmen. Die Übernahme der SAR-Rolle ist danach der erste Auftrag des NH90 NTH. Erst dann können die Marineflieger den Sea King ausphasen.

Die dritte Stufe ist die Herstellung der Einsatzbefähigung des Marinefliegergeschwaders 5 (MFG 5) und aller damit verbundenen Dienststellen. Mit der für 2023 angestrebten Einsatzbefähigung kann dann der Betrieb des MFG 5 am Stützpunkt Nordholz, den SAR-Außenstellen Helgoland und Warnemünde sowie der Bordflugbetrieb auf den Einsatzgruppenversorgern unter DEMAR-Regeln erfolgen.

Der Sachstand des Projekts

Die ersten NH90 NTH befinden sich bei Airbus Helicopters Deutschland (AHD) in der Fertigung. Ziel ist, mit ihnen gegen Ende 2016 die ersten Flugnachweise durchzuführen. Die endgültige Ausstattung des Hubschraubers legt derzeit das „Critical Design Review“ FEST, das die vertragskonforme Ausrüstung und Ausstattung verbindlich beschreibt. Ende 2019 beginnt die Auslieferung, drei Jahre später soll die Marine über alle 18 Hubschrauber verfügen können.

Die Ausbildung der ersten Besatzungen für das neue Luftfahrzeug hat, mit Unterstützung durchs Heer, 2015 begonnen. Aufgrund des weiterhin bestehenden SAR-Auftrags muss besonderes Augenmerk auf dafür verfügbares Personal liegen. Erfahrungserhalt und -aufbau müssen sich hier die Waage halten, wobei die Ausbildung von fliegerischem Personal über die Musterberechtigung bis zum Beherrschen des Luftfahrzeugs mehrere Jahre dauert. Eine ähnliche Situation besteht für das technische Personal, für das unter den neuen DEMAR-Rahmenbedingungen völlig neue Maßstäbe gelten. Gemeinsam mit dem Luftfahrtamt der Bundeswehr erarbeitet die Marine Überleitregeln für die künftigen Fachleute. Dazu gehören auch zeitgerecht verfügbare Ausbildungsmittel.

Ein weiterer Fokus liegt auf den Infrastrukturmaßnahmen, die bekanntlich sehr lange für ihre Verwirklichung benötigen. Um Zeit zu sparen wurde zum Beispiel der Neubau einer Instandsetzungs- und Wartungshalle einschließlich Kunststoffwerkstatt und Lackierbereich durch das Übernehmen der realisierten Bauplanung am Standort Faßberg beschleunigt. Die nächste große Herausforderung wird sein, den Flugsimulator einschließlich Gebäude einzurichten.

Ausbildung für den Sea Lion

Für die künftigen Piloten kann die Marine die Lehrgänge des Internationalen Hubschrauberausbildungszentrums in Bückeburg nutzen. Sie beschickt schon jetzt die bestehende Hubschrauberführer-Grundausbildung und wird auch die weiterführenden Lehrgänge für den NH90 nutzen. Es ist vorgesehen, anschließend die notwendige „Navalisierung“, wie zum Beispiel für Flüge über See, fürs Winchen und sonstige marinespezifische Verfahren, mit dem in der Marine verfügbaren Ausbildungshubschrauber H135 zu üben. Mit einem Simulator soll danach die typspezifische NH90-NTH-Ausbildung fortgesetzt werden. Daher ist dessen Verfügbarkeit vor dem Zulauf der ersten Luftfahrzeuge besonders wichtig.

Für die Ausbildung der Luftfahrzeugoperationsoffiziere (LOpO) gibt es keine nationalen Ausbildungseinrichtungen. Die fachliche Ausbildung für den ersten LOpO wird daher auf niederländischen Lehrgängen für deren Marine-NH90 erfolgen. Dieses Modell wird genutzt, bis der eigene Simulator mit dem Missionsanteil verfügbar ist.

Die Ausbildung des technischen Personals, der „Bordmechaniker“, erfolgt ab Herbst 2016 in den Lehrgängen des Heeres. Die vorher stark differenzierten Verwendungsreihen in den luftfahrzeugtechnischen Verwendungen reduzieren sich formal auf zwei: Mechanik und Avionik. Auswirkungen auf die organisatorische Struktur des Verbandes und der Marine liegen auf der Hand: Für den Betrieb unter DEMAR muss der Verband MFG 5 als „DEMAR-Instandhaltungsbetrieb“ organisiert werden. Die einhergehende Modernisierung soll auch qualifiziertes Personal für die Marine gewinnen und an sie binden.

Bordintegration Sea Lion auf dem Einsatzgruppenversorger

Die neue Generation des NH 90 „Sea Lion“ in der Fertigung.

Die neue Generation des NH 90 in der Fertigung (Quelle: 2016 AHD / NH Industries)Größere Abbildung anzeigen

Der Betrieb des NH90 NTH als Bordhubschrauber auf den Einsatzgruppenversorgern erfordert Anpassungen am Schiff – es ist schließlich für die Zeit der Einschiffung der Ersatz der Heimatbasis. Neben der Abwicklung des Flugbetriebs gehören dazu auch die Wartungs- und Instandsetzungsmaßnahmen. Nicht nur das Lagern von Ersatz- und Austauschteilen erfordert Stauraum, sondern auch die Ausrüstung für die unterschiedlichen Missionen des Hubschraubers muss sinnvoll untergebracht werden. Und obwohl die EGV die größten Schiffe der Marine sind, bedeutet dies nicht, dass Platz im Überfluss verfügbar ist. Ferner stellt der NH90 erhebliche Anforderungen an die Betriebsführung: Planung und Steuerung des Flugbetriebs, Missionsplanungen, Fernmeldeanbindungen und die Integration von zusätzlich benötigter IT-Ausstattung in die Bordstruktur müssen bedacht werden. Dies alles mit dem Ziel der ersten Umrüstung 2019 – wohlgemerkt neben dem normalen Einsatz der Schiffe.

Herausfordernd für die Bordintegration ist auch der Betrieb der Luftfahrzeuge unter der Standardanwendungssoftware (SASPF), unter anderem für Materialbewirtschaftung und Instandhaltung. Grundsätzlich als online-basiertes System konzipiert, bedarf es an Bord der Schiffe einer autarken Betriebslösung.

Zusammenfassung

Die deutschen Seestreitkräfte erhalten mit dem NH90 NTH den lange erwarteten Ersatz für den in die Jahre gekommenen Sea King. Die Marine muss dabei für eine Zeit zwei Aufgaben gleichzeitig erfüllen: die Aufnahme des neuen Hubschraubers vorbereiten und parallel den Flugbetrieb des alten Hubschraubers sicherstellen. Die Industrie muss ihren Anteil dazu beisteuern: Sie muss ihre Zulaufplanung verbindlich einhalten und die „Sea Lions“ im vom CDR festgeschriebenen Konstruktionsstand ausliefern. Die kleine Flotte von 18 Hubschraubern lässt unterschiedliche Konfigurationen für den Betrieb nicht zu. Der Basishubschrauber NFRS fliegt erfolgreich bei der französischen Marine – die Deutsche Marine sieht daher der Einführung zuversichtlich entgegen.

Die Umstellung in der Marinefliegertechnik aus der in Jahrzehnten gewachsenen Struktur der zentralisierten Technik auf die neue, auf Basis der europäischen Harmonisierung aufgebauten DEMAR Betriebsform wird ein Lernprozess. Er wird neben den täglichen Auswirkungen auf den Flugbetrieb deutliche Auswirkungen auf die Ausbildung haben.

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