“Meine Liste ist noch längst nicht abgehakt” – Deutschlands “älteste Bürgermeisterin” wird 90

Was das Älterwerden betrifft, hat sich Ellen Wisniewski immer kleine Ziele gesetzt: „Zuerst wollte ich die deutsche Wiedervereinigung erleben. Dann die Jahrtausendwende. Und dann habe ich mir gesagt: Nun kann ich auch noch 90 werden.“ Heute hat die Beelitzer Stadtverordnete und Ortsvorsteherin von Zauchwitz Geburtstag, bereits am Vormittag haben sich die Gratulanten die Klinke in die Hand gegeben. Und während die Frau, die in den Medien gern als „älteste Bürgermeisterin Deutschlands“ präsentiert wird, Glückwünsche und Geschenke entgegennahm, hat sie bereits die nächste Etappe ins Auge gefasst: „Meine Liste“, sagte sie, „ist noch längst nicht abgehakt.“

Bürgermeister Bernhard Knuth würdigte neben ihrer Lebensleistung auch die Menschlichkeit und Wärme der langjährigen Kommunalpolitikerin. „Ihr Wort gilt mehr als jede Expertenmeinung, ihr Urteil wiegt schwer und ist oft genug unentbehrlich – weil Sie sich immer alle Seiten anhören, weil Sie immer die Folgen bedenken und weil für Sie nicht weniger im Vordergrund steht als der Mensch“, sagte er in seiner Laudatio. Ellen Wisniewski hat sich Zeit ihres Lebens für andere eingesetzt, was sie so begründete: „Ich hatte ja keine Familie, und so wollte ich mein Leben mit anderen Menschen verbringen. Und das geht ja nur durch die Arbeit.“

1926 in Halle geboren, war sie schon früh weitgehend auf sich gestellt gewesen. Nach einer Ausbildung zur Kontoristen arbeitete sie während des Zweiten Weltkrieges Straßenbahnfahrerin in den damaligen Ostgebieten, erlebte dort Flucht und Vertreibung, sah aber auch Gräueltaten Deutscher Soldaten. 1945 trat sie in die SPD ein, weil deren Prämisse „Nie wieder Krieg!“ auch die ihre war – und noch heute das einzige ist, was wirklich für sie zählt. Sie arbeitete für die Wismut, wollte später sogar mal Fluglehrerin werden. In den 1950er Jahren kam sie aber als Referentin des damaligen Brandenburgischen Ministerpräsidenten Rudolf Jahn nach Potsdam. Ihn kannte sie noch aus der Nachkriegszeit.

Ende der 1960er kam sie als Bürgermeisterin nach Caputh, später wurde sie Gemeindechefin in Ferch. 1979 dann die Versetzung nach Zauchwitz, wo Wisniewski bis kurz vor der Wende die Geschicke des Ortes lenkte. Sie sorgte unter anderem dafür, dass die Kita modernisiert und eine zentrale Abwasserentsorgung geschaffen wurde – viele Arbeiten erfolgten in Eigenleistung durch die Bürger – mit Wisniewski an der Spitze. Mit den „Genossen“ auf Kreis- und Bezirksebene hatte sie oft ihre Not, machte auch keinen Hehl daraus. Dennoch blieb sie erstaunlicherweise unbehelligt. Kurz vor der Wende ging sie dann in Ruhestand – um dann 1991 zurückzukehren. Weil niemand so recht wollte, warf sie ihren Hut zur Bürgermeisterwahl in den Ring und wurde prompt gewählt. Wieder und wieder.

Neben ihrem Amt als Ortsvorsteherin und Stadtverordnete ist Ellen Wisniewski heute auch noch Vorsitzende der Verbandsversammlung des WAZ Nieplitz und des Kreislandfrauenvereins. Ihre Ämter erfüllen sie – und sie erfüllt ihre Ämter, oft auch mit Biss. „Es ging mir immer um die Gemeinschaft. Und wenn ich jemanden verärgert habe, dann habe ich mich hinterher tausend Mal entschuldigt. Ich bin nun mal so laut“, sagte sie vor ihren Jubiläumsgästen. Für den Beelitzer Bürgermeister ist sie mehr als nur Politikerin: „Die Kinder, die Sie selbst nie hatten, finden Sie heute überall in Beelitz. Sie sind ein bisschen unserer aller Mutti geworden. Und dafür bin ich sehr dankbar.“

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