Gedenkrede der Kulturbeigeordneten zum 55. Jahrestag des Mauerbaus

Bei einer Gedenkveranstaltung zum 55. Jahrestag des Baus der Berliner
Mauer hat die Beigeordnete für Bildung, Kultur und Sport der
Landeshauptstadt Potsdam, Dr. Iris Jana Magdowski, heute eine Rede
gehalten. Anlass war der 8. Potsdamer MauerVerlauf, eine Veranstaltung
der Landeshauptstadt Potsdam und der Fördergemeinschaft „Lindenstraße
54“ in Kooperation mit dem Verein Ars Sacrow e. V.. Zum Auftakt hatten
sich Potsdamerinnen und Potsdamer zum gemeinsamen Gedenken an der
Skulptur „Nike 89“ des Bildhauers Wieland Förster am Fuße der
Glienicker Brücke versammelt. Die Rede der Beigeordneten im Wortlaut:

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Mitglieder des Landtags, sehr geehrte Stadtverordnete,
sehr geehrter Herr Ladner, sehr geehrte Frau Gerlant,
meine Damen und Herren,

im September 1961, wenige Wochen nach dem Bau der Berliner Mauer,
beginnt Lothar Lehmann seinen Wehrdienst – und kommt an die Grenze. In
Groß Glienicke wird der 19-jährige der Bereitschaftspolizei zugeteilt.
Seine Einheit, die Grenzbereitschaften, bewacht die Grenze zwischen dem
DDR-Bezirk und West-Berlin. Lothar Lehmann beschließt zu flüchten. Seine
Motive kennen wir nicht. Und dieses fehlende Wissen deutet bereits
darauf hin, dass die Flucht nicht gelang und tödlich enden sollte.

Ende November 1961muss der Wehrdienstleistende Boote am Sacrower
Havelufer ausbessern. Lothar Lehmann sieht eine Chance für seine Flucht.
Am Abend des 26. November 1961 versucht er, mit einer Schwimmweste
ausgestattet, den Fluss Richtung West-Berlin zu durchschwimmen. Doch das
Wasser ist zu kalt, viel zu kalt. Lothar Lehmann erleidet einen
Kälteschock, er verliert das Bewusstsein, er wird von den Grenzposten
entdeckt, er wird aus dem Wasser gezogen und in das Bezirkskrankenhaus
Potsdam gebracht. Auf dem Weg dahin verstirbt Lothar Lehmann gegen 21
Uhr.

Meine Damen und Herren, Lothar Lehmann gehört zu den mindestens 138
Menschen, die zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer getötet oder
in Folge ihres Fluchtversuches ihr Leben ließen. Sie ließen ihr Leben,
weil sie aus einem Unrechtstaat ausbrechen wollten. Weil dieser Staat
sie in Verzweiflung und Not gebracht hatte und weil sie ihrem Drang nach
Freiheit und Selbstbestimmung nachgehen wollten.

Im Gedenken an sie wollen wir uns vor ihnen verneigen. Wir wollen sie
niemals vergessen, weil sie und ihr Schicksal es sind, die uns mahnen.

Wir denken zudem an die tausenden Menschen, die als politische
Gefangene im ehemaligen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in
der Lindenstraße 54 inhaftiert wurden. Weil sie sich gegen das Regime
wendeten. Ihre persönlichen Schicksale werden in der Gedenkstätte
eindrucksvoll vermittelt.

Wenn wir heute an den 55. Jahrestag der Errichtung der Berliner Mauer
erinnern, dann denken wir daran, dass eben in der Nacht vom 12. auf den
13. August 1961 eine unüberwindliche Teilung beider deutschen Staaten
geschaffen werden sollte. 28 Jahre sollte die Teilung bestehen. Eine
schmerzhafte und unmittelbare Trennung vor allem für die Potsdamerinnen
und Potsdamer und für die Berlinerinnen und Berliner. Mit dem Bau der
Mauer wurde die Teilung Deutschlands, die bereits zu diesem Zeitpunkt 16
Jahre bestand, in Zement gegossen. Mit der Errichtung dieses hermetisch
abgeriegelten Grenzbefestigungssystems vollzog die DDR allerdings auch
einen Offenbarungseid. Denn die Mauer zeugte stumm und steinern von dem
Legitimationsproblem der DDR, das darin bestand, dass ihr die Menschen
wegliefen.

Die Berliner Mauer und die Glienicker Brücke werden heute als Symbol
der deutsch-deutschen Teilung und der Konfrontation der Ost-West-Blöcke
angesehen. Was heute als abstraktes Sinnbild erscheint und für die
jüngere Generation kaum mehr nachvollziehbar ist, trennte 28 Jahre
faktisch und schmerzhaft die Menschen. Die Mauer wurde zu einem
Bestandteil des Lebens; und viele, in Ost wie in West, arrangierten sich
mit der in Stein gefassten Realität. Die Mauer sperrte die einen ein und
die anderen aus. Die Grenze durchschnitt 28 Jahre lang familiäre und
freundschaftliche Verbindungen, Begegnungen und Kontakte. Sie
durchschnitt das Miteinander. Sie durchpflügte das gemeinsame
kulturhistorische Erbe. Sie machte aus einer Kulturlandschaft an dieser
Stelle, wo wir stehen und die wir gleich erkunden werden, einen
Todesstreifen.

Meine Damen und Herren, Gedenken bedeutet immer Rückblick. Und in
dieser Rückschau genießen wir das unglaubliche Privileg, dass in dem Bau
der Mauer der Fall der Mauer eingeschrieben ist. Dem Freiheitsdrang der
Menschen in der DDR ist es mit zu verdanken, dass die Mauer zu wanken
begann und 1989 umgestürzt wurde. Die Skulptur NIKE 89 vom Bildhauer
Wieland Förster verkörpert dieses historische Wunder unserer deutschen
Geschichte. Die Siegesgöttin Nike streckt sich dem freiheitlichen Himmel
entgegen, doch ihr Torso ist geschunden von Zerstörung und Gewalt, Leid
und Unrecht.

Der Weg von der Unfreiheit in die Freiheit war und bleibt leidvoll.
Dankbar und respektvoll schauen wir auf die Menschen, die diesen Weg in
die Freiheit geebnet haben und sind in Gedanken bei den Frauen und
Männern, die ihr Leben an der Grenze der Unfreiheit zur Freiheit
ließen. Wie Lothar Lehmann.

Vielen Dank!

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