Der Auftakt zum Völkermord – Landeshauptstadt Potsdam gedenkt der Opfer am 80. Jahrestag der Reichspogromnacht

Oberbürgermeister Jann Jakobs hat heute am 80. Jahrestag der
Reichspogromnacht gemeinsam mit der Vorsitzenden der
Stadtverordnetenversammlung, Birgit Müller, und dem Chef der
Staatskanzlei, Martin Gorholt, der Opfer gedacht. Folgend dokumentieren
wir die Rede des Oberbürgermeisters:

– Es gilt das gesprochene Wort –

„Sehr geehrter Herr Rabbiner Presmann,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrte Landtagsabgeordnete und Stadtverordnete,
sehr geehrter Herr Gorholt,
sehr geehrter Herr Tkach,
sehr geehrter Herr Joffe,
sehr geehrter Herr Kuntze,
liebe Potsdamerinnen und Potsdamer,
meine Damen und Herren,

zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht gedenken wir in diesem Jahr in
einer ganz besonderen Weise. Mit dem Weg von der alten Synagoge am Platz
der Einheit, von der kein Stein, nur die Erinnerung geblieben ist, hin
zur neuen Synagoge, die hier entstehen wird, möchten wir von der
Vergangenheit aus in die Zukunft blicken. Ich bin dankbar, dass nach der
völligen Auslöschung der jüdischen Gemeinde während des
Nationalsozialismus heute wieder jüdisches Leben unsere Stadt in
vielfältiger Weise bereichert.

Jüdisches Leben braucht einen Ort. Ein Haus der Versammlung, der
Begegnung, des Studiums, ein Haus des Gebets.

Heute bilden die jüdischen Gemeinden Potsdams einen
selbstverständlichen und wesentlichen Teil der religiösen und
kulturellen Vielfalt unserer Stadt. Und führen doch ein vielfach
provisorisches Dasein. Mit dem Neubau der Synagoge wird das jüdische
Leben dieses Provisorium endlich hinter sich lassen und das neue
Gotteshaus das repräsentieren können, was es im Kern ausmacht: eine
Begegnungsstätte für alle mitten in der Stadt.

Der Weg zur Realisierung dieses für Potsdam eminent wichtigen Projektes
war schwierig. Er lohnt sich aber allemal. Die neue Synagoge wird das
jüdische Leben wieder sichtbarer machen für alle. So sichtbar und
integriert im Stadtgefüge, wie es die alte Synagoge am heutigen Platz
der Einheit war.

Diese einstige Synagoge war ein Neubau für die damalige jüdische
Gemeinde. Er wurde 1903 eingeweiht. Erbaut vom Architekten Julius Otto
Kerwien, atmete die Fassade des Synagogenbaus den Geist des süddeutschen
Hochbarocks und kam dem Wunsch der Auftraggeber nach, ein sichtbares
Zeichen der kulturellen Assimilation der jüdischen Bevölkerung zu sein.
In seiner Einweihungsrede beschwor Rabbiner Kaelter den Frieden. Ich
zitiere: „Diesen Frieden aber wünsche ich nicht nur auf diese engere
Gemeinde herab, sondern auf die ganze Stadt. Mitten zwischen den beiden
herrlichen Gotteshäusern der beiden anderen Religionsgemeinschaften,
dort dem herrlichen Kuppelbau der Nikolaikirche, hier der schönen
katholischen Kirche, liegt dieses bescheidene Haus. Mögen auch die
Formen verschieden sein, unter denen wir Gott suchen und verehren, aber
gleich sei doch vor Gott jeder Mensch seinem geistigen Inhalt nach.“

Die jüdischen Gemeindemitglieder, damals knapp 500, werden
hoffnungsvoll auf den neuen Synagogenbau geschaut haben. Weit sichtbar
leuchtete ein vergoldeter Davidstern an dem Gotteshaus. Jüdische
Familien wie die Kanns, die Zielenzigers, Hirschbergs, Neumanns oder
Bernhards hatten nun einen neuen geistigen und sozialen Mittelpunkt. Der
Synagogenbau war durchaus Ausdruck einer lange währenden Assimilation
der Juden während des 19. Jahrhunderts. Rechtlich waren sie
gleichgestellt. Und doch: Ressentiments, Anfeindungen und
Diskriminierungen gehörten bei weitem nicht der Vergangenheit an. Ganz
im Gegenteil. Mit der Gleichstellung der Juden im Kaiserreich hatte sich
ein Antisemitismus in der Gesellschaft breit gemacht, der auf
rassistischen Anschauungen beruhte. Judenhass mit angeblich
wissenschaftlicher Begründung.

Dieser Antisemitismus wucherte in den folgenden Jahren überall in
Europa. Die Nationalsozialisten nutzen ihn seit ihrer Macht ab 1933
geschickt aus, um ihre rassistische Ideologie zu begründen und
durchzusetzen. Getragen von der Mehrheit der Bevölkerung.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, nur 35 Jahre nach der
Einweihung der neuen Synagoge am damaligen Wilhelmplatz, wurde der Bau
des Friedens geplündert und geschändet. Wenig später der Davidstern von
der Fassade geschlagen.

In dieser Nacht verwüsteten Angehörige der SA und SS im gesamten
damaligen deutschen Reich Synagogen und Betstuben, zerstörten jüdische
Friedhöfe, raubten Geschäfte aus und brachen in Wohnungen ein.
Attackierten jüdische Mitbürger auf offener Straße, inhaftierten und
verschleppten sie.

Es war eine Nacht des Schreckens für die jüdischen Mitbürger in
Deutschland wie in unserer Stadt. Doch die Pogrome kamen nicht
überraschend. Der Judenhass wurde mit der Machtübergabe an die
Nationalsozialisten offen geschürt. Jüdische Geschäfte boykottiert,
Gesetze zur Entrechtung jüdischer Bürger erlassen, unverhohlen Menschen
stigmatisiert. Die Novemberpogrome 1938 bedeuteten einen furchtbaren
Höhepunkt des Judenhasses und markierten den Übergang von der
Diskriminierung jüdischer Mitbürger seit 1933 zur systematischen
Verfolgung und Vernichtung. Sie bildeten den Auftakt zum Völkermord.

So möchten wir an diesem heutigen Tag in erster Linie den Opfern der
Novemberpogrome gedenken. Unsere Gedenken sind bei allen Männern, Frauen
und Kindern jüdischer Herkunft, die verfolgt, diskriminiert, weggesperrt
und getötet wurden.

Wenn wir nun heute am Baufeld für eine neue Synagoge stehen, dürfen wir
diese Vergangenheit nicht außer Acht lassen. Der Blick in die
Vergangenheit lehrt uns, wachsam zu sein. Und das ist notwendiger denn
je. Antisemitismus gehört auch heute nicht der Vergangenheit an. Gegen
unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger wird auch heute noch
gepöbelt, Gewalt angedroht, die Kippa vom Kopf gerissen oder jüdische
Grabsteine beschmiert. Geschichtsrelativismus ist längst hoffähig
geworden, unverhohlen wird der Hitlergruß auf offener Straße gezeigt.

Meine Damen und Herren, wenn ich an die Eröffnung der Synagoge von 1903
erinnerte und wenn wir heute über die neue Synagoge an diesem Ort
sprechen, dann seien Sie sich über eine Sache im Klaren: Es liegt in
unserer Hand, die Zukunft zu gestalten, und zwar so zu gestalten, dass
sich die dunklen Kapitel unserer Geschichte niemals wiederholen. Wir
sind es den Opfern des 9. Novembers und der Shoa schuldig.

Vielen Dank!“

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.