Endspurt am Potsdamer Winzerberg

Endspurt am Winzerberg

Wiederhergestellt: der Winzerberg am Park Sanssouci in Potsdam. Foto: Bauverein Winzerberg e. V.

Spendenkampagne: Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs und SPSG-Generaldirektor Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh setzen erste Glasscheiben an den Rankwänden ein

Die Wiederherstellung des Winzerbergs in Potsdam soll im Herbst 2018 abgeschlossen werden. Der Bauverein Winzerberg e. V. hat das in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg dem Verfall preisgegebene und seit 1990 zu dem von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) betreuten UNESCO-Welterbe gehörende Ensemble seit 2005 mit mehr als 1400 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern saniert. Möglich wurde dies durch eine vom Bauverein Winzerberg e. V. initiierte Spendenkampagne.

Die im Zuge der Erweiterung der Anlagen rund um das Schloss Sanssouci 1763 im Auftrag Friedrichs des Großen (1712-1786) von Christian Ludwig Hildebrandt (1720-1770) unterhalb des Mühlenbergs errichtete Terrassenanlage umfasst fünf Hangmauern mit einer Gesamtlänge von ca. 300 Metern. Hinter deren verglasten Rankwänden gediehen ab 1764 Wein und Obst wie in einem Gewächshaus. Um diesen Zustand wiederzugewinnen und zugleich die Finanzierung der Sanierungsmaßnahmen sicherzustellen, bot der Bauverein Winzerberg e. V. Patenschaften für 6200 Scheiben an, von denen inzwischen 5050 vergeben werden konnten. Potsdamerinnen und Potsdamer, aber auch Unterstützer aus ganz Deutschland beteiligten sich. Am 21. April 2018 haben der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Potsdam, Herr Jann Jakobs, und der Generaldirektor der SPSG, Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh, die ersten Scheiben eingesetzt.

Zur Geschichte des Winzerbergs

Heinrich Ludwig Manger (1728-1790) beschrieb in seiner 1789 erschienenen „Baugeschichte von Potsdam“ den Winzerberg als sehr aufwendige, jedoch materialsparende Konstruktion. Unterhalb der Stützmauern wurden massive Pfeiler gesetzt, zwischen denen sich ein Bogen spannte, der mit Erde unterfüllt wurde, um den Druck auf das Gemäuer zu minimieren. Nach der Fertigstellung 1764 wurden an den Mauern verschiedene Obstsorten gepflanzt. Eine vorgesetzte Glasfassade schützte den Wuchs.

Für Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) plante Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) 1838 eine „Via Triumphalis“. Verwirklicht wurde 1850/51 allerdings nur das Triumphtor nach Plänen Friedrich August Stülers (1800-1865) als architektonische Aufwertung des Winzerberges mit dem Winzerhaus.  Ab 1848 wurden durch Hofbaumeister Ludwig Ferdinand Hesse (1796-1876) die Terrassen erneuert und 1849 das Winzerhaus errichtet. Dabei gestaltete Landschaftsarchitekt Peter Joseph Lenné (1789-1866) den Winzerberg zu einem toskanischen Weingarten um. Die unterste Terrassenwand wurde durch Sichtmauerwerk verblendet und mit einem Treppenaufgang versehen, den seither das monumentale Haupt des Gottes Bacchus schmückt. In den Skulpturennischen befanden sich Zinkgüsse nach antiken Statuen. An den oberen Hangmauern wurden Brüstungen und Pergolapfeiler angelegt, die Fronten der Mauern erhielten eine moderne Verglasung, das Mauerwerk wurde voll ausgefugt und nicht verputzt.

Die nächsten nachweisbaren konstruktiven Eingriffe erfolgten 1944 auf Befehl des NS-Rüstungsministers Albert Speer (1905-1981). Geplant war eine Luftschutzanlage, die jedoch nicht komplett fertiggestellt wurde. Nach Kriegsende 1945 wurde der Stollen im Winzerberg mit Trümmern des Luisenplatzes und Umgebung zugeschüttet und verdichtet.

In der Zeit des „Kalten Krieges“ verfiel der Winzerberg durch Witterungseinflüsse und immer stärkeren Wildwuchs. Um weitere Beschädigungen zu vermeiden, musste das leckgeschlagene Bewässerungssystem in den 1980er Jahren stillgelegt werden. 1996 führte das Amt für Zivil- und Katastrophenschutz Erkundungen der Stollen durch. Um die ursprüngliche Gesamtstabilität zu erhalten, wurden Hohlstellen mit ca. 500 Tonnen eines Hochofen-Flugasche-Zementgemischs verfüllt.

Die Baumaßnahmen
2004 war der Winzerberg baupolizeilich gesperrt und zum großen Teil verfallen. Grund für die Sperrung waren mehrere Absackungen des Untergrundes, deren Ursachen ungeklärt waren. Eine Bestandszeichnung von 1855 legte den Verdacht nahe, dass belastbare Fundamente fehlten. Nach Probeschachtungen stellte sich jedoch heraus, dass die Fundamentierung konstruktiv korrekt gebaut und absolut intakt war.

Die erste Maßnahme war die komplette Entgrünung des Berges. Im Anschluss wurde der Berg in Reihen und Zeilen aufgeteilt, um alle Bauteile und Artefakte genau erfassen und in einem Zwischenlager für die Wiederverwendung einlagern zu können. Denn das mit der SPSG und dem Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum (BLDAM) abgestimmte denkmalpflegerische Konzept sah vor, möglichst viel ursprüngliche Substanz zu erhalten. Gleichwohl wurden eindeutige Baufehler behoben. Leicht faulendes Kiefernholz wurde z. B. durch Lärche ersetzt, die Entwässerung der Dachflächen durch die hintere Brüstung wurde wiederhergestellt, das Wasser nun aber in eine Zwischenrinne abgeführt. Umgestürzte Pfeiler wurden mit großen Bestandsbauteilen neu aufgeführt, die Ziegel der Schmuckbrüstungen einzeln abgeputzt und mit innenliegenden Stahlseelen versehen, Sandsteinstufen unsichtbar gestützt.

Für alle Spezialarbeiten an Holz, Metall, Ziegeln, Putz und Stuck konnten Fachfirmen gewonnen werden.

Der Verein

Nach dem Abschluss des ehrenamtlichen Wiederaufbaus der Alten Neuendorfer Kirche in Potsdam-Babelsberg 2005 suchte sich die nun „ehrenamtslose“ Bürgerinitiative, in der sich Potsdamerinnen und Potsdamer zusammengefunden hatten, eine neue Aufgabe. Der Winzerberg in Potsdam war zu diesem Zeitpunkt eine denkmalgeschützte Terrassenanlage von ca. 3.500 m² Fläche, die in den Jahren der DDR dem völligen Verfall preisgegeben war. Ein Wiederaufbau war nicht vorgesehen, da der Berg als „nicht sanierbar“ galt.

Seit 2005 sammelten sich Handwerker, Studierende, Auszubildende, Vorruheständler und Vertreter aller Berufe und Schichten, und setzten sich das Ziel, innerhalb von 10 Jahren den Wiederaufbau des Winzerberges zu realisieren. 45 Auszubildende verschiedener Gewerke aus Deutschland und seinen Nachbarländern, 24 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Freiwilligen Sozialen Jahr in der Denkmalpflege, ca. 1400 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer haben mehr als 4.000 Arbeitsstunden am Winzerberg geleistet. Hinzu kommen 55 Firmen, die sich mit Lieferungen und aktiver Mitarbeit beteiligten. 7 Diplom- oder Masterarbeiten über den Winzerberg entstanden in Zusammenarbeit mit Fachhochschulen und Universitäten. In der Lehrausbildung der Aktivwerkstätten des Potsdamer Oberlinhauses wurde u. a. das historische Eingangstor rekonstruiert. Und der Internationale Bund ermöglichte die Mitarbeit von Migranten.

Um die Nutzung des Winzerberges als offenes Denkmal auch für die Zukunft zu sichern, gründete der Bauverein 2001 die Abteilung „Gärtner“, die in enger Abstimmung mit den Gartendenkmalpflegern der SPSG den Berg bepflanzt und permanent pflegt. Aktuell sind hier ca. 50 Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler tätig.

Seit Juni 2016 ist der Winzerberg auch wieder ein Kultur- und Veranstaltungsort: Allsommerlich wird 2 Mal in der Woche zur Bacchusstunde eingeladen.

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