Ausstellung “Mahlzeit” in der Stadtgalerie Kunst-Geschoss in Werder (Havel)

„Mahlzeit“ – so ungewöhnlich der Titel für die neue Ausstellung in der Stadtgalerie „Kunst-Geschoss“ in Werder (Havel), so ungewöhnlich ist auch das Sujet der Fotografen Ingo Kuzia und Walter Schönenbröcher. Beide Fotografen bearbeiten selbstgestellte Themen, die sie nach ihrem fotokünstlerischen Empfinden umsetzen. Mit der Bearbeitung eines Themas gehen sie über die generelle und gebräuchliche fotografische Ablichtung hinaus und bekräftigen damit die Fotografie als Bestandteil der Bildenden Kunst.

Seit dem Mittelalter gilt die Tischgemeinschaft zu bestimmten Tageszeiten als zentraler Punkt der Sozialisation, welche über die simple Nahrungsaufnahme hinausgeht. Sich in einer Gemeinschaft treffen, sich auf diese und die Konversation am Tisch vorbereiten, die investierte Zeit für die Zubereitung der Speisen sind Hingabe an diese Personen und Bestandteile des Mahls.

Was bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts Gültigkeit hatte, scheint für die modernen Nomaden des 21. Jahrhunderts aufgehoben. Mehr und mehr lösen sich die klassischen Zeiten und Reihenfolgen auf. Frühstück, Mittag, Abendbrot als historische Abfolge in unserem Sprachraum werden mehr und mehr den Situationen des Alltages angepasst. Schnelle und ständige Nahrungsaufnahme haben sich mit „fast“ und „to go“ als Normalität etabliert. Mit der Möglichkeit, Fertiggerichte aufzuwärmen oder liefern zu lassen, gehen auch die vorher genannten sozialen Komponenten der Mahlzeit teilweise verloren.

Ab 2013 fotografiert Walter Schönenbröcher nach einem Arbeitsessen den Tisch in einem Restaurant. Nach seinen Worten ist es oftmals schwer, das Personal daran zu hindern, dass Geschirr und andere Spuren vorzeitig zu beseitigen. Durch die weltweit entstandenen Fotos, aus immer gleicher Perspektive, gibt uns Schönenbröcher eine bildliche Soziologie der Nahrungsaufnahme in anderen und eigenen Kulturkreisen. Die Ästhetik dieser Fotografien spricht für sich und verlangt vom Betrachter Toleranz vor landestypischen Sitten und Gebräuchen.

Die tierische Nahrungsaufnahme und das soziale Fressverhalten seiner Katze war für Ingo Kuzia Stimulus zur Bildserie „Katzenfutter“. Um Anerkennung zu erlangen, legt ihm seine Katze ihre Beute vor. Mit dem geschulten Auge des Fotografen war sich Ingo Kuzia des Potentials dieser Bildserie bewusst. Mit äußerstem Detailreichtum und immer gleichem Hintergrund ist es ihm gelungen, die tierischen Beutefragmente in einer sezierenden Ästhetik wieder zu geben, die uns eher neugierig als abstoßend stimmt.

Beide Fotoserien werden in diesem Umfang und in Verbindung miteinander zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. In dieser Ausstellung stehen menschliches und tierisches Fress- und Essverhalten im bildlichen Vergleich. Was dem Tier als Instinkt nachgesagt wird, begegnet der Mensch mit angeblichem Bewusstsein – eine gewisse Nachdenklichkeit bei den Ausstellungsbesuchern ist erwünscht.

Ausstellung bis 11. November 2018 
immer Donnerstag, Samstag und 
Sonntag von 13-18 Uhr 
im Kunst-Geschoss, 
Uferstraße 10, Werder (Havel). 
Der Eintritt ist frei.

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