Schatten des Krieges (1) – Das sowjetische Erbe

Mo 30.05.16 23:30, Das Erste

Vor 75 Jahren, am 22. Juni 1941 überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Ein mörderischer Krieg begann. Der Kampf gegen die Invasoren wurde als nationale Aufgabe des ganzen sowjetischen Volkes erlebt – „Der Große Vaterländische Krieg“. Die ARD beleuchtet den Krieg in zwei Teilen: Der erste Film erzählt vom Krieg aus russischer Sicht, der mehr zur nationalen Identitätsstiftung beiträgt als irgendein historisches Ereignis in Russland sonst. Im Film von Grimmepreisträger Artem Demenok kommen Menschen zu Wort, für die der Krieg die prägendste Erfahrung ihres Lebens ist. Das Archivmaterial zeigt maßgeblich die sowjetische Perspektive.

Mythos statt Realität

Die Sowjetunion hat 27 Millionen Bürger verloren. Die riesigen Betonmonumente des Großen Vaterländischen Krieges in Brest oder Wolgograd jedoch dienten nicht allein dem Totengedenken. Der Sowjetstaat feierte damit sich selbst. Obwohl dieser Krieg zahllose wirkliche Helden hervorbrachte, bevorzugte die sowjetische Propaganda erfundene Figuren. Etwa Alexander Matrossow, der sich vor ein feindliches MG-Nest geworfen haben soll. Oder die 28 Panfilow-Soldaten, die 1941 bei Moskau fielen, als sie mit Molotow-Cocktails 18 deutsche Panzer zerstörten. Sie werden bis heute verehrt, obwohl ihre Geschichte eine Erfindung ist.

Der Leiter des Zentralen Staatsarchivs löste 2015 landesweite Empörung aus, als er Dokumente veröffentlichte, die belegten, dass die 28 Panfilow-Soldaten durch eine Zeitungsente in die Welt gelangten. Er wurde mittlerweile entlassen. Wie es wirklich war, will in Russland heute kaum jemand wissen. Große Kriegstaten, die es nie gab, überstrahlen nicht nur das Leid und Elend des Krieges, sondern sogar die Leistungen wirklicher Helden. Die verwirrende und widersprüchliche Realität ist zur Ideologiebildung unnütz. Der Mythos tritt an ihre Stelle.

75 Jahre nach Kriegsbeginn pflegt der russische Staat ein vereinfachtes Bild vom Krieg, das noch unter Stalin entstanden ist. Aus der Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg schöpft Russland immer noch seine Identität. Der Mythos ist wahrer als wahr. Der russische Staat braucht Helden.

Schatten des Krieges (2) – Das vergessene Verbrechen

Der zweite Teil (am 6. Juni 2016 um 23:30 Uhr im Ersten) erzählt von einem Massenmord im „Erinnerungsschatten“ der deutschen Gedenkkultur (so Bundespräsident Joachim Gauck 2015), von einem der größten Verbrechen des Zweiten Weltkrieges: die Vernichtung von drei Millionen Soldaten der Roten Armee in Kriegsgefangenenlagern der Deutschen Wehrmacht.

Wann immer vom Russlandkrieg erzählt wird, dann in großen Kapiteln: Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, rascher Vorstoß, Steckenbleiben im frühen und kalten Winter, Schlacht vor Moskau, Stalingrad, der Fall Berlins. Gleichzeitig fand der Holocaust statt, der all das Düstere noch überschattete.

Der Massenmord hinter dem Massenmord

Dahinter verborgen ist eine weitere Untat, von der nur höchst selten gesprochen wird, von der viele nichts wissen und viele lieber nichts wissen würden: drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangene kamen durch physische Gewalt, Aushungerung und Krankheit ums Leben. Die Täter selbst haben ihr Tun dokumentiert. Als wären sie sich keiner Schuld bewusst. Die Frage, ob ihr Schicksal ein Verhängnis war oder der Beginn einer planvollen Vernichtung, stellte sich den Kriegsgefangenen nicht. Sie alle verstanden nicht, was mit ihnen geschah. Eines aber wussten wohl die meisten von ihnen: Es gab kein zurück. In der Heimat galten sie nun als Feiglinge, Deserteure und Verräter. Es geht in dem Film nicht darum, die Täter schuldig zu sprechen, sondern die Opfer in Erinnerung zurückzurufen.

Der Zweiteiler „Schatten des Krieges“ ist eine Gemeinschaftsproduktion von Schmidt & Paetzel Fernsehfilme, Rundfunk Berlin-Brandenburg und Norddeutscher Rundfunk.

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