Rede OB zum Gedenken an Luftangriff auf Potsdam vor 71 Jahren

Oberbürgermeister Jann Jakobs hat heute zur Andacht in der
Nikolaikirche aus Anlass des Gedenkens an den 71. Jahrestag der
Bombardierung Potsdams eine Ansprache gehalten. Nachfolgend
dokumentieren wir die Rede:

Es gilt das gesprochene Wort!

*Sehr geehrter Herr Wiede,
sehr geehrter Herr Geywitz,
liebe Potsdamerinnen und Potsdamer,

am 19. Januar 1952 berichtete die Märkische Volksstimme:
Das Jahr 1952 soll für Potsdam das Jahr der Enttrümmerung werden.
Dazu ist die Mitarbeit aller notwendig. Wenn wir mit der gleichen
Begeisterung wie die Berliner an diese Arbeit gehen, werden wir das uns
gestellte Ziel, daß Ende 1952 Potsdam frei von Trümmern und Ruinen sein
soll, erreichen.

Meine Damen und Herren,
sieben Jahre nach dem verheerenden Luftangriff auf Potsdam in der Nacht
vom 14. auf den 15. April 1945 und dem späteren Beschuss durch die
russische Artillerie waren die Folgen der Zerstörung noch mit aller
Deutlichkeit zu spüren.

Das Zentrum der Stadt wurde von Ruinen und Trümmerbergen bestimmt. Die
Nikolaikirche, das Stadtschloss und das Alte Rathaus sowie die
Garnisonkirche als wichtigste Bauten der Stadt hatten große Schäden
erlitten. Hunderte von Bürgerbauten waren gänzlich zerstört.

Der Mangel beherrschte das Leben.

Sieben Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges setzte Potsdam alles
daran, die Wunden des Krieges zu heilen. Projektierungspläne für den
Aufbau und die Neugestaltung Potsdams wurden ausgelobt und öffentlich in
einer Ausstellung im Marstall präsentiert.

Mehr als 10.000 Besucher, so die Märkische Volksstimme, schauten sich
die Entwürfe an; Hunderte von Anregungen und Verbesserungsvorschläge
erreichten die Verwaltung, die eigens einen Fragebogen zu den
Planungsvorhaben erstellt hatte. Die Potsdamerinnen und Potsdamer
diskutierten leidenschaftlich um die Zukunft ihrer Stadt.

Gleichzeitig wurden die Weichen für die städtebauliche Entwicklung
gestellt, die von Ideologie und wirtschaftlichen Beschränkungen bestimmt
waren.

Auch mehr als siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit
der Zerstörung der Altstadt debattieren wir kontrovers um die
städtebauliche Gestalt Potsdams.

Der 14. April 1945 lässt uns nicht los * die Bilder der Zerstörung
berühren, bewegen uns; die Bilder der Stadt vor der Zerstörung wecken in
vielen von uns eine große Sehnsucht nach diesem alten Potsdam. Teile der
historischen Stadtmitte haben wir wieder aufgebaut. Weitere werden
entstehen.

Der 14. April 1945 ist zu einem der zentralsten Fluchtpunkte für unsere
städtebauliche Identität geworden. Doch das ist nicht alles.

Der 14. April 1945 ist für uns vor allem ein zentraler städtischer Tag
des Gedenkens und Erinnerns.

Wir gedenken der 1.593 Menschen, darunter viele Flüchtlinge aus den
Ostgebieten sowie Zwangsarbeiter aus Polen und Frankreich, die in dieser
Nacht ihr Leben verloren haben. Wir möchten in unser Gedenken alle Opfer
des Krieges einschließen.

Wir wollen auch nicht die verbrecherischen deutschen Bombardements
vergessen: auf das polnische Wielun, auf Warschau, auf Rotterdam,
Coventry, London.

Und wir möchten daran erinnern, dass die Nacht von Potsdam ohne den
Tag von Potsdam nicht zu denken ist. Denn am 21. März 1933 wurde
eben auch in Potsdam, der traditionsreichen und konservativ gesinnten
Residenz- und Garnisonstadt, das Bündnis der alten und neuen Elite
symbolhaft inszeniert und der Weg der nationalsozialistischen Herrschaft
geebnet.

Meine Damen und Herren,

der heutige Tag gehört der Erinnerung.

Die Erinnerung, die durch die Kunst vermittelt wird.

Wir alle sind gespannt auf das Requiem!

Und der Tag gehört den Zeitzeugen. Ihre persönlichen Erinnerungen, wie
wir sie ab 20:30 Uhr im Potsdam Museum erleben können, sind für uns
Mahnung und Auftrag, uns täglich neu gegen Krieg und Gewalt
einzusetzen.

Vielen Dank!*

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