„AOK-Forum live“ diskutierte über Pflege-Strategien auf dem Land

Die Familie lässt sich nicht ersetzen

 Um den Herausforderungen in der Pflege in Brandenburg auch in Zukunft gewachsen zu sein und die Pflege durch die Angehörigen zu stärken, müssen sich alle Beteiligten viel stärker abstimmen und enger zusammenarbeiten. Das war einhelliger Tenor bei der gesundheitspolitischen Diskussionsveranstaltung „AOK-Forum live“ am gestrigen Donnerstagabend in Potsdam. Vertreter aus Politik, Pflege und Wissenschaft waren im Tagungshaus „BlauArt“ zusammengekommen, um über Pflege-Strategien auf dem Land zu sprechen. Denn eine der größten Herausforderungen in den kommenden Jahren besteht darin, auch in den dünner besiedelten Regionen Brandenburgs Strukturen und bedürfnisorientierte Angebote zu schaffen, die wie in den Städten und Ballungsräumen eine umfassende Betreuung der Pflegebedürftigen gewährleisten.

In Brandenburg ist mittlerweile jeder vierte Einwohner, der älter als 70 ist, pflegebedürftig. 77 Prozent davon werden bis zu zehn Jahre lang zu Hause betreut, entweder von Angehörigen oder einem ambulanten Pflegedienst. Auch in Zukunft solle dieser Trend nach dem Grundsatz „Ambulant vor stationär“ gefördert werden, wie Jürgen Heese, Stabstellenleiter für Unternehmenspolitik der AOK Nordost in seiner Begrüßung sagt. Denn fast alle älteren Menschen wünschen sich, trotz Pflegebedürftigkeit so lange wie möglich in der vertrauten Umgebung bleiben zu können.

Die zukünftige Versorgung der Pflegebedürftigen wird dabei von zwei Faktoren in die Zange genommen, wie Almut Hartwig-Tiedt, Staatssekretärin im Ministerium für Arbeit,  Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie in Brandenburg sagte. Auf der einen Seite wird die Zahl der Pflegebedürftigen größer, auf der anderen Seite ist schon jetzt der Mangel an Pflegefachkräften im Land deutlich spürbar. Wenn hier nicht gegengesteuert werde, spitze sich diese Lage immer weiter zu. Hartwig-Tiedt plädierte hier für die geplante generalisierte Pflegeausbildung. Dem widersprach Anne Böttcher, Geschäftsführerin der AWO Brandenburg. Sie befürchtet, dass durch die Generalisierung der Ausbildung die zukünftigen Fachkräfte statt im ambulanten vorwiegend im stationären Bereich und der Kinderpflege arbeiten werden.

Einig waren sich die Teilnehmer auf dem Podium, dass im Rahmen der zukünftigen Pflege in den ländlichen Regionen auch über neue Betreuungsmodelle nachgedacht werden müsse. Hier verwies Prof. Johann Behrens, Gründungsdirektor des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Universität Halle-Wittenberg und Verfasser der Brandenburger Fachkräftestudie Pflege, auf die frühere Gemeindeschwester. Nach diesem Prinzip könne die Betreuung vor Ort verbessert werden. In diesem Zusammenhang sprach Wolfgang Gall, Sozialdezernent im Havelland, über die schon bestehende Zusammenarbeit von Kommunalpolitik, Pflegeanbietern vor Ort, Verbänden und Seniorenbeiräten, die sich den Herausforderungen der Pflege stellen. Dieses Miteinander sei enorm wichtig, um Bedarfe zu erkennen und zu ermitteln, was sich umsetzen lässt und was nicht. Hier müssen aber die Kommunen mehr Beteiligungs- und Entscheidungsmöglichkeiten erhalten als bisher.

Als beispielgebend für die zukünftige Pflege in Brandenburg wurde die Arbeit der Pflegestützpunkte genannt, wo neben der umfassenden Beratung und Unterstützung der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen schon jetzt eine Abstimmung mit den unterschiedlichen Verbänden und Pflegeanbietern erfolgt. Und auch für eine verbesserte Zusammenarbeit der Ärzte und Krankenhäuser mit der stationären und ambulanten Pflege gibt es Modelle mit Vorbildcharakter. Hier wurden auf das Berliner Projekt und Careplus in Berlin und Brandenburg verwiesen, wo eine Abstimmung zwischen Ärzten und Pflegeheim zum Wohle der Pflegebedürftigen beispielhaft betrieben wird.

Elimar Brandt, Vorsitzender der Pflegezukunftsinitiative e.V., sagte, dass es immer ein abgestimmtes Konzept aller an der Pflege Beteiligten in der Region brauche, damit hier ganz im Sinne der Selbstbestimmtheit der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen gehandelt werden könne. Sozialdezernent Gall verwies in diesem Zusammenhang auf die Familie, das Private, das sich vor allem in der Pflege durch nichts ersetzen lasse. Darum gelte es für die Zukunft, das Engagement der pflegenden Angehörigen immer mehr zu stärken.

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