100 JAHRE SCHLACHT VON VERDUN

Kanzlerin Merkel hat dazu aufgerufen, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und damit „eine gute Zukunft zu gestalten“. Es gelte, wachsam zu bleiben und den „Anfängen zu wehren“, so die Kanzlerin bei der Gedenkfeier in Verdun. Merkel undHollande entzündeten eine „ewige Flamme“ zur Erinnerung an die Kriegsopfer.

Hollande und Merkel entzünden gemeinsam die Flamme in der Nationalnekropole Douaumont.Merkel und Hollande entzündeten die „ewige Flamme“ zum Gedenken an die Kriegsopfer.Foto: Sean Gallup/Getty Images

Bei der zentralen Gedenkfeier in Verdun am Sonntag dankte die Bundeskanzlerin dem französischen Präsidenten Hollande für die Einladung zum „gemeinsamen Innehalten“: „Das ist eine Geste, die uns in Deutschland tief berührt“.

In ihrer Ansprache betonte Merkel: „Verdun lässt uns nicht los. Verdun kann und darf uns nicht loslassen“. Verdun stehe für die Grausamkeit und die Sinnlosigkeit des Krieges schlechthin. Zugleich sei Verdun aber auch ein Symbol für die Sehnsucht nach Frieden, die Überwindung von Feindschaft und die deutsch-französische Aussöhnung.

„Wachsam bleiben und den Anfängen wehren“

Die Kanzlerin sagte, die Toten von Verdun seien Opfer von Engstirnigkeit, Nationalismus, Verblendung und politischem Versagen geworden. Auch heute gelte es, „wachsam zu bleiben und den Anfängen zu wehren“. Sie hob hervor, wie wichtig und „lebensnotwendig“ es sei, sich nicht abzuschotten, sondern offen füreinander zu sein. „Nur wer sich aufeinander einlässt, kann voneinander lernen und voneinander profitieren. Das ist es, was ein erfolgreiches Europa ausmacht“. Derzeit gebe es „Schwächen“ in der europäischen Gemeinschaft. Europa müsse wieder seine Fähigkeit zum „Kompromiss, zur Einigkeit beweisen“, sagte Merkel.

Mit Blick auf die deutsch-französische Aussöhnung betonte die Kanzlerin die Bedeutung des Élysée-Vertrags, der 1963 von Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle unterzeichnet wurde. Dieser Vertrag sei als Band des Vertrauens ein Erbe, das kaum wertvoller sein könne. Merkel sprach auch das Zeichen an, das Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident Francois Mitterrand 1984 gesetzt hatten, als sie 70 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Hand in Hand vor den Gräbern vor Verdun standen: „Diese Geste sagte mehr als jedes Wort. Sie war und ist Ausdruck tief empfundener Zusammengehörigkeit. Und so gedenken wir heute gemeinsam.“

Die Kanzlerin betonte mit Blick auf Frankreich: „Uns trennen keine Gräben mehr“. Und in Bezug auf Europa sagte sie: „Wir sind zu unserem Glück vereint. Möge es so bleiben.“

Merkel und Hollande waren mit militärischen Ehren vor der Nationalnekropole von Douaumont begrüßt worden. Die zentrale Gedenkzeremonie wurde von dem deutschen Filmregisseur Volker Schlöndorff künstlerisch inszeniert. 3.000 auf dem Gelände anwesende Jugendliche aus Deutschland und Frankreich stellten unter anderem das Schlachtgeschehen nach. Am Ende der Gedenkfeier entzündeten Merkel und Hollande gemeinsam eine „ewige Flamme“ im Beinhaus von Douaumont. Dort werden die Gebeine von etwa 130.000 nicht identifizierbaren französischen und deutschen Soldaten aufbewahrt. Zudem enthüllten die Kanzlerin und der Präsident eine gemeinsame Gedenktafel und sie besuchten die Dauerausstellung in der neugestalteten Gedenkstätte. Dort sind im Deckenbereich der Eingangshalle erstmals die Namen sowohl französischer als auch deutscher Gefallener eingraviert.

Beim Mémorial von Verdun trafen Merkel und Hollande den Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, den Präsidenten der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, sowie den Präsidenten des Europäischen Rats, Donald Tusk. Zuvor hatten sich die Bundeskanzlerin und Präsident Hollande bei einem Arbeitsmittagessen über aktuelle bilaterale, europapolitische und internationale Fragen ausgetauscht.

Merkel: „Dass es heute so ist, wie es ist, bedeutet mir viel“

Am Vormittag hatte Merkel im Rathaus von Verdun eine Rede gehalten. „Es ist schön und alles andere als selbstverständlich, in freundliche Gesichter blicken zu dürfen – an einem so geschichts- und symbolträchtigen Ort wie diesem“, erklärte Merkel dort. Auch wenn das Schreckliche viele Jahre her sei: „Dass es heute so ist, wie es ist, bedeutet mir viel. Denn es gibt in Frankreich wohl kaum eine Familie, die nicht mit dem Grauen des Krieges in Berührung gekommen ist“, sagte Merkel.

Selbst in der Landschaft rund um die Stadt habe der Krieg bis heute seine Spuren hinterlassen. Die Erinnerung sei also allgegenwärtig. „Das heißt, wir alle sind dazu aufgerufen, Erinnerung auch künftig wachzuhalten“, so Merkel. „Denn nur wer die Vergangenheit kennt, kann auch Lehren aus ihr ziehen und damit dann eine gute Zukunft gestalten.“

Besuch des deutschen Soldatenfriedhofs

Die Bundeskanzlerin und Präsident François Hollande begannen den Gedenktag mit einem gemeinsamen Besuch auf dem deutschen Soldatenfriedhof Consenvoye und einer Kranzniederlegung. Einen weiteren Kranz legten die Kanzlerin und der Staatspräsident am Denkmal für die toten Kinder der Stadt nieder. Auf der Brücke über die Maas, dem „Pont Chaussée„, ließen danach 100 Schülerinnen und Schüler 100 Friedensballons steigen.

Die Schlacht von Verdun im Nordosten Frankreichs begann am 21. Februar 1916 und dauerte bis in den Dezember 1916. Die Kämpfe prägten den Verlauf des Ersten Weltkriegs und kosteten insgesamt mehr als 300.000 deutsche und französische Soldaten das Leben. InVerdun wurden Materialschlachten bis dahin nie gekannten Ausmaßes ausgefochten. Moderne Kriegstechniken wie Luftangriffe und Giftgas kamen zum Einsatz, ohne dass eine der beiden Kriegsparteien damit entscheidende Vorteile erzielte. Das verlustreiche Ringen um die damals als uneinnehmbar geltenden Festungsanlagen von Verdun gilt heute als ein Sinnbild für die Brutalität und Sinnlosigkeit des Ersten Weltkriegs.

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